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Von der Bikini-Bridge bis SnapChat: Der Trend-Fetisch der Medien

Es ist nichts Neues. Und es wird die Welt auch nicht zum Untergang bringen. Und doch, die immer rapider verlaufende Trend- und Hype-Adaption von (Schweizer) Medien bringt nicht nur Vorteile.

Schauen wir uns ein paar Entwicklungen und Themen an, welche in letzter Zeit durch die Medien gezogen und gepusht werden. Der Fokus soll hierbei auf der Schweizer Medienbranche liegen. Diese darf sich zwar nicht mit übermässiger Innovationsfreude rühmen, aber sie funktioniert grundsätzlich ja. Beispiele hier kommen hauptsächlich aus den Medienhäuser Ringier und Tamedia. Letzteres gibt sein Geld ja auch gerne für Klage-Androhungen (alter Link) aus, aber das ist ein anderes Thema. Zurück zur Sache:

4Chans – Operation Bikini Bridge

Die vergangenen Tage waren gefüllt mit Artikel zum neusten Schönheitstrend aus dem Internet, der Bikini-Bridge. Das passt grundsätzlich in den Kram eines jeden Mediums, da man mal wieder eine Rechtfertigung hat, Bilder von jungen Frauen in knapper Bekleidung zu zeigen (Sex sells), den führsorglichen Moralapostel heraushängen zu können („Das ist gefährlich!“) und noch ganz scheinheilig ein wenig eigennützige Interaktion zu provozieren (am besten natürlich, Leser zum Einsenden eigener Bilder zu motivieren – gratis Inhalt, booyaka!).

Ein kleines Problem zu diesem Trend: Er ist nicht sooo trendy, wie man gerne hätte. Wie 20 Minuten schreibt: „Der Irrsinn […] wurde ganz gewollt ins Leben gerufen. Laut Dailydot.com wollten User der anonymen Plattform 4chan.org belegen, wie simpel sich ein neuer Trend lancieren lässt“. Sprich: Bereist beim Schreiben des Artikels war klar, dass es sich hier evtl. um gar keinen Trend, also eine Falschmeldung aka Hoax, handelt. Sehr einfach konnte man recherchieren, dass ein Phänomen wie die Bikini-Bridge zwar existierte, aber weit weg davon war, ein Trend zu sein.

bikinibridge

4Chan, gleichzeitig Quelle für wunderbare Inspiration und schrecklicher Abgrund des Internets, hat es sich zum Hobby gemacht, das Internet auf den Arm zu nehmen. Der neuste Streich war das gezielte Hochhypen der Bikini-Geschichte mittels gefakten Accounts und geklauten Bildern – inklusive der Einplanung einer kleinen Gegenbewegung. In zwei Phasen wurde das Schlagwort dann prominent gemacht und hat es, obwohl es sich offensichtlich um ein pseudo-relevantes ein Null-Mehrwert-Thema handelt, auf die Startseiten unzähliger grosser Medien geschafft. Dass alles auf gezielt verbreiteter Falschinformation basierte, war wohl kein Kriterium – Klicks gab es dank der fleissig illustrierten Geschichte sicher trotzdem genug.

(Man möge mir an dieser Stelle das selbstironische Verwenden eines Bikinifotos als Titelbild verzeihen – aber ihr habt ja geklickt…)

Trends zum Selbermachen

Nach diesem ausserhalb der Medien gezielt angestossenen Trend gibt es natürlich auch noch die Nicht-Trends, welche unter dem Vorwand der Aufklärung und Prävention gross aufgebauscht werden – je absurder und spektakulärer, desto besser. Wenn noch Jugendliche beteiligt sind, über welche man sich echauffieren kann, gibt das Zusatzpunkte. Man verstehe mich nicht falsch, Sensibilisierung und echte Prävention soll nicht verurteilt werden. Die Frage ist, wann es sich um solche handelt, und wann die Berichterstattung mehr als Förderung für den zuerst nicht vorhandenen Trend wirkt.

saufjugend

Die Liste solcher von den Medien geliebten Hypes ist lang. Meistens dreht es sich um Jugendliche in Kombination mit den Themen Sex (z.B. Sex-Armbänder) und Drogen (absurd z.B. Smarties rauchen). Auch dabei natürlich ist das Vodka Eyeballing, wobei man sich kurz gesagt Vodka ins Auge kippt. Es wurde fleissig berichtet und detailliert erklärt, wie dieser Trend funktioniert. Klar, aber man überlege sich kurz die möglichen Konsequenzen dieser Aufklärung eines eigentlich nicht oder nur minimal verbreiteten Trink-Trends:

  1. Der Leser wird aufgeklärt und schüttet sich sicher nie Vodka ins Auge.
  2. Der Leser kennt den Trend, will den bevormundenden Erwachsenen aber nicht gehorchen und macht es aus Trotz.
  3. Der Leser kannte den Trend nicht, will aber ebenfalls trotzdem und probiert es aus.
  4. Der Leser kannte den Trend nicht, wird ihn nicht ausprobieren und hätte ihn aber auch sonst nicht ausprobiert, da er ihn nicht kannte.

Die ausführliche Aufklärung inklusive Anleitung eines solchen Trends führt, überspitzt gesagt, also in drei von vier Fällen zu genau der Reaktion, welche man hätte verhindern können.

Ein weiteres Beispiel hier für einen Nicht-Trend, der von den Medien unnützerweise hochgeschaukelt wurde, ist das „Guete Morge mitenand“-Video, welches seine Runden durch das Internet machte und zu guter Letzt von der 20 Minuten gross auf der Startseite angepriesen wurde – mit dem Hinweis, man solle so ein Video als doch lieber nicht machen. Da könnten sich so einige Schreiberlinge folgenden Tweet meines Kollegen Simon Häring zu Herzen nehmen:

Technik als Allzweck-Hype

Eine weitere Möglichkeit für Trends sind technische Entwicklungen. Klar, ein Fingerabdruckscanner bei einem iPhone oder ein noch günstigerer Preis für ein Nexus-Tablet mag für einige ganz interessant wirken, da lässt sich nichts dagegen sagen. Kritisch wird es bei überhypten Entwicklungen oder Apps, wo es ähnlich zugeht, wie bei den den Nicht-Trends, welche durch die Medien kreiert werden. Als Beispiel könnte man SnapChat nehmen. Die App ist in aller Munde, die Übernahme-Angebote lassen wunderbare Dot-Com-Bubble-Erinnerungen aufleben ($3 Milliarden von Facebook oder doch lieber $4 Milliarden von Google?), hunderte Millionen von Bildern werden täglich versendet und das bei echt viel Nutzern. Genau, viele Nutzer. Ob es jetzt 400 oder „nur“ 4 Millionen sind, ist egal.

Die eigentlich eher unnütze App (Bilder versenden, die danach automatisch gelöscht werden) mit dem eher schmuddeligen Hintergrund verkauft sich ideal in den Medien. So wird das Ablehnen der Übernahme trotz der Unsummen abgelehnt, natürlich ist das Bescheiden, zeigt gute Werte auf etc. Dass die beiden Millionärssöhnchen hinter der App vielleicht einfach gerne noch mehr Geld kriegen wollen, wäre ein ganz absurder Gedanke.

snapchat

So lässt sich dann sogar ein Medium wie die NZZ dazu hinreissen, einen „SnapChat ist echt ein grosses Ding, echt jetzt!“-Artikel nach dem anderen zu schreiben und , vorbei an den eigenen privatsphären-kritischen Kommentaren, Screenshot-Anleitungen zu veröffentlichen, mit welcher dieses essenzielle SnapChat-Feature umgangen werden kann.

Ein anderer Tech-Hype-Kandidat ist BlickAmAbend.ch. Während die ganze Welt darüber diskutiert, ob Seiten wie BuzzFeed tatsächlich Journalismus betreiben, definiert sich der Blick am Abend im Internet genau damit selbst. Und die Ähnlichkeit zwischen den beiden Seiten ist, naja, bedenklich. Man vergleiche die Startseite (Vergleichs-GIF) oder die Artikelseite (Vergleichs-GIF). Mal abgesehen davon, dass man sich doch sehr spezifisch hat inspirieren lassen, machen beispielsweise die Badges/Buttons/Tags wie „Jöö“ und „Krass“ nur bei einigen Artikeln wirklich Sinn. So kommt es nämlich, das Berichte wie „Obamas Drohnen töten irrtümlich 17 Menschen“ gleich ein Dutzend Reaktionen wie „Jöö“, „Super“, „Funny“ und „Good News“ erhalten.

Dazu kommt dann noch der Inhalt einer solchen enorm trendigen Listen-Artikel- (aka Listicle-) Seite. Über die Qualität und wie man diese definiert, lässt sich bekanntlich streiten. Unabhängig davon kann das Alleinstellungsmerkmal einer solchen News-Seite gesehen werden. Will ich auf der Webseite einer Abendzeitung wirklich einen Grossteil an schichten Aufzählungen haben, die jeder Nachwuchsblogger in seiner Mittagspause hätte erstellen können? Bringt es wirklich etwas, die gleiche Art von Artikeln zu haben, wie sie bereits zum tausendfach im Internet auffindbar sind? Und müssen diese Artikel dann auch noch kopiert, ähm, adaptiert werden? Ein paar gesuchte Beispiele:

Hier muss man sich echt fragen, wieso so etwas gemacht wird – und auch, weshalb nicht auf die Quelle verwiesen wird, welche hier ganz offensichtlich vorhanden und sehr einfach auffindbar war.

Muss ein Medium wirklich jeden Trend mitmachen? Soll es von davon zeugen, dass eine Webseite zeitgemäss, fortschrittlich oder gar innovativ ist, wenn sie so offensiv Trends aufgreift, welche rein für die Quote und nicht mehr für einen effektiven Mehrwert sorgen sollen? Meiner Meinung nach nicht – es ist eher lästig. Seiten wie BuzzFeed, Apps wie SnapChat und Trends wie die Bikini-Bridge sind ganz unterhaltsam. Es ist spannend, diese Entwicklungen auf Reddit oder ähnlichen Seiten zu beobachten. Sie aber beinahe blind adaptiert in jedem Medium wiederfinden zu müssen ist hauptsächlich eines, nämlich langweilig.

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